Text: Peter Oberosler
Tiroler Volksmusik vor über 200 Jahren – ist sie heutzutage noch spiel- und aufführbar? Oder ist sie längst veraltet und nur mehr noch für Forschungszwecke zu gebrauchen!? Im folgenden Artikel soll dieser Frage anhand des Südtiroler Schullehrers und Organisten Mathias Ploner (1770–1845) der ein Einsender der Sonnleithner-Sammlung von 1819 war, nachgegangen werden. Wir versetzen uns in eine Zeitmaschine und kehren zurück in das Jahr 1819 …
Im Jahre 1819 setzte in den österreichischen Erblanden das erste volksmusikalische Sammelunternehmen – heute bekannt unter dem Namen Sonnleithner-Sammlung – ein. Initiator war der erste Sekretär der Gesellschaft der Musikfreunde Wiens Joseph Sonnleithner (1766–1835). Für seinen musikalischen Sammelaufruf hatte er klare Vorstellungen, nach welchen Musikstücken er suchte. So formulierte er folgende Kriterien:
»1. Profane Volksgesänge, bloß für die Singstimme gesetzt.
2. Die dazugehörigen Texte so vollständig als möglich, vorzüglich die älteren, mit der Bemerkung, in welcher Gegend sie meist gesungen werden.
3. Die Melodien der Nationaltänze, vorzüglich solcher, die bey besonderen Festlichkeiten, Hochzeiten, Leichenfeyern aufgeführt werden.
4. Die Kirchenlieder, welche sich seit vielen Jahren erhalten haben.
5. Die namentliche Kenntniß der vorzüglichen Beförderer der Musik um mit ihnen in unmittelbare Korrespondenz treten zu können.« [zit. nach Deutsch 1977, Sp. 1934]
Welche Gemeinden waren in Tirol von dem Sammelaufruf betroffen?
In Tirol wurden insgesamt 30 Gemeinden mit diesem Schreiben kontaktiert. Aus jenen Gemeinden, die in der abgedruckten Karte in roter Farbe hervorgehoben sind, sind zwar Antwortschreiben vorhanden aber keine Lieder und Stücke erhalten. Der Einsendekreis Schwaz wurde vom Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde angeschrieben, doch finden sich weder im Tiroler Landesarchiv noch im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ein Antwortschreiben oder Lieder und Stücke. Schwaz bleibt somit von jenen in roter Farbe markierten Einsendekreisen der einzige ohne ein Antwortschreiben.
Spezialkarte von Tirol, Vorarlberg und Liechtenstein von 1823
[Grafik: Peter Oberosler]
Die Musikeinsendungen aus Kastelruth
Aus der Gemeinde Kastelruth haben sich insgesamt 17 Deutsche Tänze erhalten. Die genannten Stücke wurden von dem im St. Ulrich geborenen Schullehrer und Organisten Mathias Ploner (*13. April 1770 St. Ulrich/Südtirol, †27. April 1845 Brixen) eingesandt. Ploner war 15 Jahre lang (1785–1800) als Organist in St. Ulrich tätig. Ab den1790er-Jahren führte er Tagebücher bzw. Schreibkalender. Wie den Tagebucheinträgen von Ploner zu entnehmen ist, gab es bereits im Jahr 1790 in St. Ulrich eine Musikkapelle, bei der er auch selbst mitwirkte. Den Musikverein bzw. die Musikkapelle St. Ulrich gibt es heute noch. Zudem wirkte Ploner auch als Schullehrer und Komponist in St. Ulrich. Um ca. 1800 übersiedelte er nach Kastelruth und führte dort erneut das Organistenamt aus. Einer der Gründe für seine Übersiedlung scheint die schlechte Bezahlung in St. Ulrich gewesen zu sein. In Kastelruth wurde er als Organisten-Nachfolger von Lucas Muhr eingesetzt, der überraschend verstarb. Eine weitere Funktion, die er ab 1805 dort innehatte, war jene des Gerichtsanwaltes.
»Mathias Ploner Schullehrer u Organist zu Kastelruth macht sich durch seine Singschule, seine Musikübungen u eigene Kompositionen verdient.«
[Tiroler Landesarchiv (TLA), Jüngeres Gubernium, Präsidium 1819, Fasc. 3612, Nr. 132/P.]
Musikalisch war Ploner in der Gemeinde Kastelruth nicht nur als Organist tätig, sondern er förderte und unterstütze auch die dortige Musikkapelle. So fuhr er sogar z. B. extra nach Bozen, um einige Musikinstrumente für die Kapelle anzukaufen. Zudem stand er der Kapelle in musikalischen Belangen stets zur Seite. In seinem Haus in Kastelruth unterrichtete er und gab selbst auch kleinere Privatkonzerte. Ab dem Jahr 1830 änderte er erneut seinen Lebensmittelpunkt. Ploner wurde Pfarrorganist in Brixen und dazu auch ab 1835 eine kurze Zeit lang Domorganist. Er starb am 27. April 1845 in Brixen. Welche Rolle Ploner bei der Musikkapelle Kastelruth innehatte, lässt sich nicht genau feststellen. Ploner kam jedoch auch nach seiner Übersiedlung immer wieder nach Kastelruth und besuchte die Mitglieder der Kapelle, die extra für ihn aufspielten. Zu seinem Namen finden sich mehrere Schreibweisen. So unterzeichnete er bei seinen Kompositionen verschieden mit »Mathäus Ploner«, »Matthäus Ploner«, »Matthias Ploner« oder »Matteo Ploner«. Zudem war er mit der Komponistin Anna Reifer (1820–1888), der er zu ihrer Einkleidung im Klarissenkloster in Brixen ein Veni Sponsa Christi widmete, bekannt.
Zur ladinischen Sprache
Eine Besonderheit bilden seine Gedichte, die er in ladinischer Sprache verfasste, die auch von anderen Komponisten vertont wurden, so z. B. das La vedla Muta (= Die alte Jungfer) von 1806 und die männliche Fassung davon mit dem Titel L vedl Mut (= Der Junggeselle) von 1828. Beide Gedichte wurden von dem Komponisten Johann Baptist Gänsbacher (1778–1844) vertont, wobei die Melodie dieselbe ist. Auch in den Reiseberichten Ludwig Steubs werden die Gedichte und indirekt auch sein Schreiber und »Schulmeister« Mathias Ploner erwähnt: »›Grödnerische Volksgesänge‹ gibt es nicht. Vor einigen Jahren hat indessen jemand versucht ein Lied in dieser Sprache zusammenzubringen und dieß ist denn auch wirklich gelungen. Der Schulmeister von St. Ulrich hatte die Güte, mich eine Abschrift davon nehmen zu lassen. Es heißt: El vödl Mut, der alte Junggeselle, und spricht den Aerger aus, den ein oftmals angerannter Hagestolz über das schöne Geschlecht zu empfinden pflegt.« (Steub 1846, S. 440). Von 17 Deutschen Tänzen, die Mathias Ploner nach Wien zu Sonnleithner übermittelt hat, sind im Folgenden die Tänze 1, 2, 3 und 4 abgebildet. Wie lebhaft Volksmusik, die vor über 200 Jahren in Tirol aufgeschrieben wurde, auch heute noch sein kann, sollen die Musikalien verdeutlichen.

Siehe auch: »Tänze aus der Sonnleithner-Sammlung Tirol«
Bibliographie:
- Rut Bernardi / Paul Videsott, Geschichte der ladinischen Literatur. Ein bio-bibliografisches Autorenkompendium von den Anfängen des ladinischen Schrifttums bis zum Literaturschaffen des frühen 21. Jahrhunderts, Bozen 2014.
- Walter Deutsch, »Juhe, ich bin ein Biedermann … « Bemerkungen zu den Aufzeichnungen aus Tirol in der Sonnleithner-Sammlung 1819, in: Das Fenster 19 (1977), Sp. 1934–1939.
- Christian Fastl, Artikel Leyherr (Leiherr), Franz Xaver Joseph, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, https://musiklexikon.ac.at/ml/musik_L/Leyherr_Franz.xml, recherchiert am 30. Juni 2022.
- Christoph Gasser, 200 Jahre Musikkapelle Kastelruth. Festschrift und Chronik, Kastelruth 1996.
- Land Tirol, Historische Karten Tirol, https://maps.tirol.gv.at/HIK/, recherchiert am 22. April 2019.
- Franz Moroder, 200 Jahre Musikverein St. Ulrich, St. Ulrich 1990.
- Peter Oberosler, Die Tiroler Bestände der Sonnleithner-Sammlung. Eine kritische Hinterfragung des Repräsentationsgehaltes für Musik und Gesang der ländlichen Bevölkerung Tirols zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Dissertation), Innsbruck 2025.
- Répertoire International des Sources Musicales, Veni sponsa Christi, accipe coronam in C-Dur, https://opac.rism.info/search?id=1001014411&View=rism, recherchiert am 20. Dezember 2019.
- Ludwig Steub, Drei Sommer in Tirol, München 1846.
- Toni Sotriffer, Der Grödner Lehrer und Organist Mathias Ploner (1770–1845). Leben und Werk im Lichte seiner Tagebuchaufzeichnungen, in: Ladinia XXIV–XXV (2000/2001), S. 95–143.








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